
Das Computerspiel Singstar ist sicher Schuld daran, dass sich in Karaoke-Bars immer weniger Leute zum Affen machen. Wieso sollte man sich schließlich in der Öffentlichkeit mit schiefem Gesang blamieren, wenn es doch lustiger und sicherer ist, das zu Hause nur mit und vor den Freunden zu tun?
Grundsätzlich ist diese Blamier-Unwilligkeit ja zu begrüßen, wäre sie nicht durch ein neues, noch schwerer ertragbares Karaoke-Bar-Phänomen ersetzt worden: Dem Ich-Brauche-Bestätigung-Singen.
Seit langer Zeit war ich gestern wieder in einer Karaoke-Bar. Am DJ-Pult stand ein ganzer Pulk aufgedonnerter Damen und schmalzgegelter Herren, die den ganzen Abend lang nichts tranken. Stattdessen reichten sie das Mikrofon untereinander herum. Sie wollten sich darin überbieten, Songs, die eigentlich längst hätten vergessen sein müssen ("Torn" von Natatlie Imbruglia) zu singen.
Alles deutete darauf hin, dass diese Truppe das jeden verdammten Freitagabend macht. Dass sie sozusagen als gratis Alleinunterhalter-Truppe auftritt.
Dass die Freunde die Karaoke-Maschine zum Singen schon längst nicht mehr brauchen, bewiesen sie dadurch, dass sie stets die Augen geschlossen hatten (die Gefühle sind einfach zu stark). Dass die meisten Gesangsunterricht nehmen, zeigte sich daran, dass sie die Hand auf den Bauch legten, um die eigene Resonanz zu kontrollieren.
Das Problem ist natürlich, dass so etwas noch weniger unterhaltsam ist, als wenn sich Leute zum Deppen machen. Und niemand traut sich in einer Karaoke-Bar, sich zum Deppen zu machen, wenn die anderen Sänger sich dem Deppen-Sein verweigern. Das komplette Karaoke-Bar-Konzept wird also über den Haufen geworfen.
Ich habe mir gestern Abend eine Lösung für das Problem ausgedacht: Der neue Trend könnte Karaoke-Karaoke heißen. Das heißt, man nutzt den eigentlichen Karaoke-Sänger als Vorlage für die eigene Karaoke. Stellt sich also neben ihn, bewegt die Lippen zu seinem Gesang mit und versucht durch viel Körpereinsatz und wilde Tanzperformance (auf beides verzichten die Ich-Brauche-Bestätigung-Sänger nämlich) zu punkten.
Ich habe es ausprobiert: Es macht Spaß, die Leute in der Bar johlen und der Lohn ist ein wütender bis gekränkter Blick des Sängers, dem die Show gestohlen wurde.
Ich hoffe, der Trend setzt sich durch.
Foto: s.o.f.t. http://www.flickr.com/photos/soft/1173493926/

