Freitag, 21. August 2009

Mister Web 2.0

Zur Begrüßung ein rot-weißer Mensch im Interview: Sascha Lobo.


Inwieweit wird der Leser von Artikeln in Zukunft nur noch Leser sein? Wie stark wird er die Inhalte mitgestalten?
Die meisten werden tatsächlich in kleinerer oder größerer Form mitgestalten. Für den professionellen Journalismus wird es wichtig sein, die Laien mit einzubeziehen. Allerdings geht es keinesfalls darum, dass die beiden miteinander konkurrieren. Es ist vielmehr so, dass sie sich gegenseitig ergänzen und befruchten.

Also sprechen wir von der sogenannten Twitterisierung. Jeder schreibt ungefiltert, was ihm gerade einfällt?
Die Aufgabe von Twitter darf nicht missverstanden werden. Twitter ist ein Kurznachrichtendienst und keine Nachrichtenplattform. Das heißt, die kurzen Twitter-Notizen werden nicht an die Stelle des Profi-Journalismus treten. Die optimale Form, wie sich User und Journalisten gegenseitig ergänzen, muss noch gefunden werden. Twitter zeigt allerdings schon jetzt, dass man durch die Vernetzung ein großes Privatkorrespondenten-Netzwerk erhält. Es wird aber immer die Aufgabe des Journalisten sein, die Informationen, die er darüber erhält, zubewerten, zu filtern und zu bearbeiten.

Was kann die klassische Tageszeitung von solchen Entwicklungen lernen?
Dass sie vom Papier loskommen muss. Die Zeitung der Zukunft muss andere Plattformen nutzen. Ich glaube, dass E-Books wie der Kindle von Amazon und andere Geräte die Zukunft sind. Der bietet den gleichen Lesekomfort wie ein Blatt Papier. Das heißt, Zeitungsverlage schicken dann ihre Texte schneller und aktueller als heute auf die E-Books. Für diesen Service und Qualitätsjournalismus sind die Leute auch bereit zu zahlen – da bin ich mir sicher. Es müssen nur Modelle entwickelt werden, wie der Leser möglichst einfach und schnell für die von ihm abonnierten Inhalte bezahlen kann.

Das heißt, dass erst das E-Book, aber nicht das Internet die Papier-Zeitung ablöst?
Es ist tatsächlich so, dass es mühseliger ist, Texte im Internet zu lesen als auf Papier oder auf E-Books. Die Software im Netz ist deutlich weiter entwickelt als die Hardware. In der Beziehung hat sich in den letzten zehn Jahren eigentlich nicht mehr getan, als dass die Monitore flacher geworden sind. Den großen Umschwung – und die Chance für Zeitungsverlage, mit digitalen Texten Geld zu verdienen – werden erst die E-Books bringen.

Die ersten E-Books werden nur Text darstellen können. Doch was passiert, wenn man auch Videos mit ihnen abspielen kann? Wird der journalistische Text dann nicht irgendwann überflüssig?
Nein. Text wird immer die Basis vom Journalismus sein. Das sieht man ja auf vielen Nachrichtenseiten im Netz. Dort gibt es Videos und Bildstrecken nur als Begleitmaterial zum Text. Ich glaube nicht, dass sich das ändern wird.

Eine ganz neue journalistischeForm sind Internetblogs. Wie sieht deren Zukunft aus?
Blogs und Journalismus haben nur ein paar Berührungspunkte. Blogs funktionieren darüber, dass sie Informationen aus verschiedenen Quellen zusammentragen, verknüpfen und miteinander verlinken. Sie sind meistens kommentierend und laden dazu ein, zu diskutieren. In den USA wird deutlich mehr gebloggt als in Deutschland. Mehr deutsche Journalisten sollten bloggen. Nirgendwo erfährt man so leicht, was bei den Leuten ankommt und wofür sie sich interessieren, wie über Blogs. Man vernetzt sich mit seinen Lesern – diese Art von Feedback hat gefehlt.

Das klingt alles so, als würden Sie glauben, dass das Internet die Welt deutlich bessermacht...
Das tut es tatsächlich. Wir haben die Chance, durch das Internet eine besser funktionierende Gesellschaft zu erschaffen. Bei der Ressourcen-Verteilung funktioniert das zum Beispiel schon. E-Bay ist ein gutes Beispiel: Alles, was früher in Kellern oder auf Dachböden vergammelt wäre, wird jetzt wieder nutzbar gemacht und der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt. Dieses Prinzip kann durch Vernetzung auch in vielen anderen Bereichen funktionieren.

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