Mittwoch, 26. August 2009

Der Alptraum-Macher


Roman Polanski kommt am 3. Oktober nach Köln, um den noch recht jungen Filmpreis Köln entgegenzunehmen. Das heißt, man bekommt die Chance, die kein US-Amerikaner seit 1977 hat: Dem Film-Genie persönlich zu begegnen.
Ich werde versuchen, am 3. Oktober so nah wie möglich an Polanski ranzukommen. Ich habe noch eine Rechnung mit ihm offen. Keine Sorge, ich habe kein Attentat vor. Ich will nur den Mann mit eigenen Augen sehen, der mir den schlimmsten Alptraum meines Lebens eingebracht hat. Ich will mich überzeugen, dass dieser Kerl tatsächlich nur ein zierliches Männchen mit einem jungenhaften Gesicht ist, dem man zunächst alles zutraut, nur nicht, dass er sich an einem 13-jährigen Mädchen vergreift.

Hinter manchem Polanski-Film vermutet man allerdings einen Filmemacher, der permanent mit inneren Dämonen zu kämpfen hat. Der weder seine Erlebnisse im 2. Weltkrieg noch den Mord an seiner ersten Frau Sharon Tate verarbeitet hat. Und der dazu fähig ist, diese Dämonen aus seinem Kopf zu holen und auf den Zuschauer zu hetzen. Das hat er jedenfalls bei mir gemacht, als ich vor drei oder vier Jahren zum ersten Mal den Film "Bitter Moon" gesehen habe. 

Soweit ich mich erinnern kann, habe ich mich das erste Mal in meinem Leben vor einem Film gefürchtet (und ich meine wirklich GEFÜRCHTET), als ich mit 11 Jahren im Nachtprogramm heimlich eine Folge der "Nightmare on Elm Street"-Reihe sah. In erster Linie erschreckte ich mich natürlich vor Freddy Krüger, der mit seinen schlechten Klamotten und seinen mauen Scherzen so etwas wie der böse Zwilling von Thomas Gottschalk ist. Was "Nightmare" allerdings von anderen Slasher-Filmen unterscheidet, ist die perfide Idee, dass man in seinen Alpträumen heimgesucht wird. Hier funktioniert der Trick nicht, dass man schnell in sein Bett läuft, um einzuschlafen, damit am nächsten Morgen wieder alles gut ist. Nach "Nightmare" hatte ich panische Angst davor, einzuschlafen.

Perfekter kann ein Schocker nicht funktionieren. Und während als Teenie in mir langsam die Leidenschaft für Horror-Filme wuchs, wuchs auch der masochistische Wunsch, noch einmal von einem Film so erschreckt zu werden wie in jener Nacht vor "Nightmare".
Je älter ich wurde, desto sicherer, dass es diesen Film nicht gibt. Ich entwickelte die Theorie, dass sich nur Kinder wirklich vor Horror-Filmen ängstigen können und spielte mit dem Gedanken, eine Petition in Umlauf zu bringen, dass Horror-Filme grundsätzlich ab 6 freigegeben werden sollten, damit sie die Chance haben, ihre volle Wirkung zu entfalten.

Mit Polanski hatte ich nicht gerechnet. Ich hatte den "Tanz der Vampire" gesehen (natürlich ein großartiger Film!) und war enttäuscht gewesen, dass er zu lustig zum Gruseln war. "Rosemary's Baby" (natürlich auch fantastisch!) hat mich wahrscheinlich nicht das Fürchten gelehrt, weil ich nicht schwanger werden kann.

Und dann kam "Bitter Moon". Es war bereits nach ein Uhr, und ich wollte mich von einem Film in den Schlaf rieseln lassen. Da in der ersten Szene Hugh Grant auftauchte, rechnete ich mit einem Schmacht-Filmchen, das perfekt dafür geeignet ist. Doch "Bitter Moon" ist perfide. Der Film könnte ein Produkt aus Freddy Krügers Alptraumfabrik sein. Es geht in erster Linie um das Ehepaar Mimi (Polanskis Frau Emmanuelle Seigner) und Oscar (Peter Coyote), das sich in eine Beziehung voller Leidenschaft stürzt. Die sexuellen Praktiken der beiden werden schleichend immer obszöner und für das Paar zur Sucht. Das mündet in einem Psychokrieg, der sich aus der Abhängigkeit des Paares voneinander nährt.

Ich war gefesselt. Der Film schaffte es, jede Müdigkeit aus mir raus- und mich selbst aufzurütteln. Ich weiß bis heute nicht, was Polanski da gemacht hat, doch "Bitter Moon" wühlte mich so auf, dass ich nicht mehr einschlafen konnte - dass ich mich fühlte wie damals mit 11 Jahren nach meinem "Nightmare"-Erlebnis. Ich wollte wie damals nicht einschlafen, weil ich wusste, dass ich schlecht träumen würde. Und das tat ich dann auch, als mir die Augen dann doch zwischen sechs und sieben Uhr zufielen. Das schaffte seitdem kein Film mehr. (Nicht einmal Lars von Triers misanthropisches Machwerk "Antichrist".)

Bis heute begreife ich nicht recht, was mit mir passiert, wenn ich den Film sehe. Es ist, als würde er zwischen den Zeilen - entschuldigt bitte den Pathos - mit giftigen Pfeilen auf die empfindlichsten Stellen der Seele schießen. Der Film lässt einen an die Liebe glauben, um dann zu sagen, dass die Liebe die zerstörerischste Kraft überhaupt ist.
Diese Metapher kommt hervorragend im folgenden Ausschnitt rüber - ein erotischer Tanz, der ganz eklig zwischen Leidenschaft und Wahnsinn pendelt:



Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass "Bitter Moon" erahnen lässt, wie Polanski sich in seinen dunkelsten Stunden fühlt.

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